Nadine Oberste Hetbleck, Lucy Wasensteiner, Annelie Pohlen, Ilka Helmig und Nelly Gawellek bei der Podiumsdiskussion

Rückblick auf das Podium | Initiativen zum Fördern, (Er)forschen und Vermitteln der Kunst von Frauen

Anlässlich des Weltfrauentags blicken wir auf eine Podiumsdiskussion zurück, deren Themen aktueller kaum sein könnten: Die Förderung, Erforschung und Vermittlung der Kunst von Frauen. Fragen nach Sichtbarkeit, struktureller Benachteiligung, ökonomischer Ungleichheit und nachhaltigen Netzwerken prägen den Kunstbetrieb bis heute, denn trotz wachsender Aufmerksamkeit für Künstlerinnen und Akteurinnen im Kunstmarkt zeigen aktuelle Debatten und Zahlen, dass Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht ist. Der Weltfrauentag bietet daher einen passenden Anlass, um die Impulse dieser Diskussion erneut aufzugreifen und ihre Relevanz für Gegenwart und Zukunft zu betonen.

Podium: Initiativen zum Fördern, (Er)forschen und Vermitteln der Kunst von Frauen am 02.06.2025

Die Veranstaltung, die am 2. Juni 2025 stattfand, war Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung „CONTINUUM und andere Initiativen der 1980er-Jahre: Fördern, (Er)forschen und Vermitteln von Kunst von Frauen“, die vom 08.03. bis 30.06.2025 im BeginenFenster präsentiert wurde und in Kooperation zwischen ZADIK und dem Beginen e. V. entstand. Unter der Moderation der ZADIK-Direktorin Nadine Oberste-Hetbleck diskutierten vier Expertinnen aus unterschiedlichen Bereichen der Kunstwelt Ansätze und Strategien zur nachhaltigen Förderung künstlerischer Vielfalt und Gleichstellung. Als historische Ausgangspunkte dienten die Galeristin Barbara Gross sowie der von ihr mitinitiierte Verein CONTINUUM, der sich in den 1980er-Jahren für die Förderung von Künstlerinnen engagierte.

Mit der Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin Lucy Wasensteiner wurde der Blick zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gerichtet, insbesondere auf die in der Forschung lange vernachlässigte Kunsthändlerin Grete Ring. Die kürzlich verstorbene Kunstpublizistin, Kritikerin, Kuratorin und ZADIK-Bestandsbildnerin Annelie Pohlen brachte ihre Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten kunstkritischer und institutioneller Praxis ein und reflektierte Entwicklungen seit den 1970er Jahren. Perspektiven für die Zukunft eröffneten zusätzlich Nelly Gawellek und Ilka Helmig, die als Vertreterinnen der Initiative And She Was Like: BÄM! über gegenwärtige und zukünftige Maßnahmen, solidarische Strukturen und die Herausforderungen nachhaltiger Vernetzung sprachen.

Kunsthistorische Leerstellen – Wer wird erinnert, wer nicht?

Im Gespräch verdeutliche Lucy Wasensteiner, ausgehend von der Forschung zur Kunsthändlerin Grete Ring im Rahmen ihrer Arbeit an der Liebermann-Villa, wie schnell zentrale Akteurinnen der Kunstgeschichte aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden können. Grete Ring war in der Weimarer Republik eine einflussreiche Kunsthändlerin, wurde jedoch lange nur in Relation zu männlichen Kollegen oder Verwandten wahrgenommen. Das mangelnde Forschungsinteresse an ihrer Person sei auf mehrere Faktoren zurück zu führen: Sie war keine Künstlerin, hinterließ keinen vollständigen Archivnachlass, schrieb keine umfassende Autobiografie und wurde durch ihre Flucht ins Exil nach England ihrer materiellen Grundlage beraubt. Zudem fehlte eine familiäre Instanz, die ihren Nachlass bewahrt hätte.

Wasensteiners Forschung macht deutlich, wie eng Erinnerung an materielle, institutionelle und familiäre Strukturen gebunden ist – wer kein überliefertes Archiv oder institutionelle Fürsprecher hat, verschwindet leichter aus der (Kunst)Geschichte. Zugleich verwies sie auf geschlechtsspezifische Zuschreibungen: Selbstbewusste Frauen würden häufig als ‚schwierig‘ etikettiert – ein Muster, dass sich auch innerhalb der zeitgenössischen Wahrnehmung fortsetze.

Der Markt und seine Machtmechanismen

Annelie Pohlen brachte eine stark zeitgeschichtliche und marktanalytische Perspektive in die Diskussion ein. Sie reflektierte ihre Erfahrungen seit den 1970er Jahren und betonte, dass Wellen der Wiederentdeckung von Künstlerinnen auch marktdynamische Ursachen haben können. Sie warnte davor, die aktuelle Konjunktur von Künstlerinnen ausschließlich als emanzipatorischen Fortschritt zu interpretieren. Gleichzeitig unterstrich sie die Problematik, dass Mechanismen des Kunstmarktes stark auf Einzelpersonen und Geniekult ausgerichtet seien. Solidarität sei notwendig, breche jedoch häufig zusammen, sobald individueller Erfolg einsetze. Annelie Pohlen betonte: Wer Veränderung will, muss Machtmechanismen erkennen und zugleich eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber ihnen bewahren.

Solidarität organisieren: Netzwerke als Ressource

Die Etablierung von Netzwerken, sowie der Zugang zu Ressourcen – finanziell, institutionell und sozial – sind historisch wie gegenwärtig entscheidend für die Sichtbarkeit im Kunstmarkt. Am Beispiel des Netzwerks And She Was Like: BÄM! zeigte Nelly Gawellek exemplarisch, wie Initiativen für weibliche Akteurinnen Räume des Austauschs schaffen, Verhandlungspositionen stärken und Konkurrenzdenken abbauen können. Solch solidarische Strukturen begünstigen eine gegenseitige Unterstützung und den Wissenstransfer beispielsweise bei Fragen nach angemessenen Honoraren oder beruflicher Positionierung. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung, solche Strukturen langfristig abzusichern, insbesondere angesichts projektbasierter Förderlogiken. Neben individueller Stärkung brauche es daher laut Nelly Gawellek auch strukturelle Veränderungen, wie verbindliche Diversitätsstrategien und Quotenregelungen.

Strukturelle Ungleichheit und die Notwendigkeit politischer Maßnahmen

Ilka Helmig erweiterte die Diskussion um eine strukturelle und strategische Perspektive. Sie verwies auf konkrete Zahlen zum Gender Pay Gay im Kulturbereich und machte deutlich, dass ökonomische Ungleichheit im Kunstmarkt trotz gestiegener Sichtbarkeit von Akteurinnen fortbesteht. Somit reiche ihre Sichtbarkeit allein, neben individueller Resilienz und strategischer Lebensplanung, nicht aus und es bestehe die Notwendigkeit struktureller Reformen, um tatsächliche Gleichberechtigung im Kunstbereich zu erhalten und nachhaltig zu sichern. Ilka Helmig ergänzte weiterführend die Aspekte ihrer Vorrednerinnen: Initiativen wirken laut ihr häufig wie Wellen, deren einzelne Impulse Entwicklungen anstoßen, jedoch entstehe nachhaltige Gleichberechtigung erst, wenn Impulse institutionell verankert würden.

Das Podium eröffnete ein vielschichtiges Bild von historischen Kontinuitäten und aktuellen Dynamiken im Kunstbetrieb. Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass es nicht allein um nachhaltige Sichtbarmachung geht, sondern um strukturelle Veränderungen – ein Anliegen, das am Weltfrauentag besondere Aufmerksamkeit erhält.

Die vollständige Aufzeichnung des Gesprächs ist kostenfrei unter diesem Link verfügbar.

verfasst von Jule Welling


In memoriam: Annelie Pohlen (1944–2026)

Am 28. Februar 2026 ist die Kunsthistorikerin, Kunstkritikerin und Kuratorin Annelie Pohlen verstorben. Über viele Jahrzehnte prägte sie mit analytischer Schärfe, kritischer Haltung und großer Neugier den Diskurs zur zeitgenössischen Kunst. Von 1986 bis 2004 leitete sie den Bonner Kunstverein und realisierte dort mehr als 200 Ausstellungen – darunter Projekte mit Künstler:innen wie Ida Applebroog, Marlene Dumas, Mark Dion, Kiki Smith oder Katharina Sieverding. Ihre kuratorische Arbeit verband ästhetische Fragen stets mit gesellschaftlichen Fragestellungen und machte den Kunstverein zu einem lebendigen Ort des Austauschs. Im letzten Jahr übergab Annelie Pohlen dem ZADIK ihr Archiv als Vorlass. Unter der Signatur G 26 umfasst es Texte zur Kunstkritik, Korrespondenzen sowie Fotografien von Ausstellungen, Aktionen und Vernissagen – ein bedeutender Bestand für die zukünftige Forschung.

Wir sind dankbar, ihr Werk und ihre Lebensleistung im ZADIK zu bewahren und sichtbar machen zu dürfen.


Jule Welling ist seit August 2025 als wissenschaftliche Hilfskraft am ZADIK tätig. Sie hat Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaften studiert und macht ihren Master in Kunstgeschichte an der Universität zu Köln.


Zitierweise: Welling, Jule: „Rückblick auf das Podium. Initiativen zum Fördern, (Er)forschen und Vermitteln der Kunst von Frauen“, in: Women in the Art Market, 08.03.2026, URL: https://witam.hypotheses.org/13437.

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Jule Welling (8. März 2026). Rückblick auf das Podium | Initiativen zum Fördern, (Er)forschen und Vermitteln der Kunst von Frauen. Women in the Art Market. Abgerufen am 14. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/15tx2


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