TIPP! Interview

“Die fetten Jahre am Kunstmarkt sind vorbei”

Im Interview “Gisela Capitain: Die fetten Jahre am Kunstmarkt sind vorbei”, erschienen am 7. April 2026 im Kölner Stadt-Anzeiger und geführt von Michael Kohler, reflektiert die Galeristin Gisela Capitain anlässlich des 40-jährigen Bestehens ihrer Galerie Gisela Capitain über ihre anfänglichen Herausforderungen in der Branche, ihre Künstler:innenwahl sowie die ausschlaggebenden Entwicklungen im internationalen Kunstmarkt.

Gisela Capitain blickt auf vier Jahrzehnte Galeriearbeit zurück, die sie nicht mit einem primär marktgetriebenen Ansatz begann, sondern aus Idealismus und inspiriert durch die frühe Begegnung mit Martin Kippenberger – dessen provokante Haltung und Ideenreichtum laut Capitain jungen Künstler:innen heute oft fehlen. Sie betont, dass sie die Künstler:innen nicht nach Verkaufspotenzial aussucht, sondern nach Qualität und Vielschichtigkeit der Kunst. Dennoch hat sie mit der Zeit ein Gefühl für den Markt entwickelt.

Capitain schildert zusätzlich den Unterschied zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Markt: In Deutschland sei der Konkurrenzkampf unter Galerien weniger brutal, dafür sei internationale Präsenz – etwa über Messen – unverzichtbar, weil der heimische Markt relativ klein sei. Künstler:innen würden heute stärker gefordert, nicht nur durch Produktion, sondern durch Pflege von Katalogen, Archivarbeit und institutionellen Ausstellungen.

Ein zentrales Thema des Interviews ist ihre Einschätzung, dass die “fetten Jahre” am Kunstmarkt vorbei seien. Sammler:innen kaufen laut Capitain weniger spontan und überlegt – viele warten angesichts globaler politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten ab. Die früher im Rheinland ansässigen, geduldigen Sammler:innen gebe es kaum noch, da jüngere Käufer:innen heute anders und in anderen Preissegmenten agieren.

In dem Zuge spricht Gisela Capitain auch über Köln als Standort: Sie schätzt die Ruhe und den Fokus auf die eigene Arbeit, kritisiert aber, dass Messen wie die Art Cologne und städtische Kulturinstitutionen von der Stadt nicht ausreichend unterstützt würden. Eine stärkere strategische Außendarstellung der Stadt sei nötig, um Köln als Kunststadt attraktiver zu machen.

Wenn du mehr über die Erfahrungen und Einschätzungen von Gisela Capitain zur Galeriearbeit und den Herausforderungen des heutigen Kunstmarktes lesen möchtest, findest du hier den Link zum vollständigen Interview.

Einen vertiefenden Einblick bietet zusätzlich der Beitrag der Frankfurter Allgemeine Zeitung anlässlich des Jubiläums der Galerie.

TIPP! Literatur

Overshadowed – Ingeborg G. Pluhar

Die Reihe „Overshadowed – Künstlerinnen im Schatten ihrer berühmten Partner“ des Kunstmagazins Parnass widmet sich Künstlerinnen, denen Arbeiten lange Zeit im Schatten struktureller Ungleichheiten standen, und rückt ihr Schaffen stärker in den fachlichen Fokus. In einer Linie mit Anna-Eva Berman, Susan Rothenberg und Christa Hauer wird nun auch Ingeborg G. Pluhar in diesem Kontext vorgestellt.

In dem Reihenbeitrag „Overshadowed – Ingeborg G. Pluhar“ zeichnet Silvie Aigner das Portrait einer Künstlerin, deren eigene Leistungen in der öffentlichen Wahrnehmung lange hinter ihren familiären und ehelichen Verbindungen zur Wiener Kunst- und Theaterszene zurücktraten. Dabei entwickelte Ingeborg G. Pluhar, ausgehend von ihrem Studium bei Fritz Wotruba, das sie 1962 aufnahm und durch Impulse von Ilse Breit sowie Oskar Kokoschka vertiefte, eine zunehmend eigenständige Position. Ihre Erfahrungen in der männerdominierten Bildhauerei führten schließlich zu einer bewussten Abkehr von der Skulptur, die durch Aufenthalte in Paris und Berlin weiter gefestigt wurde. In der Folge rückten Zeichnung und insbesondere die Collage in den Mittelpunkt des Schaffens von Ingeborg G. Pluhar, in denen sie mit Fragmentierung und Verfremdung experimentierte und Serien wie die „Funde“ und „Entfunde“ entwickelte. Vor allem ihre „Illusters“ der 1970er-Jahre zeigen eindrücklich, wie sie Alltagsgegenstände aus traditionellen Frauenrollen in ironisch zugespitzte Bildwelten überführte und damit eine Verbindung von formaler Innovation und subtiler feministischer Aussagekraft schuf.

Ingeborg G. Pluhar steht dabei exemplarische für viele Frauen im Kunstkontext – nicht ausschließlich Künstlerinnen – deren Beiträge und Einflüsse lange hinter männlichen Positionen zurücktraten. Ihre geringe Sichtbarkeit verweist auf patriarchale Strukturen, welche die Wahrnehmung und Bewertung kunstbezogener Leistunden bis heute prägen.

Mehr Informationen zu Ingeborg G. Pluhar und ihrer künstlerischen Entwicklung findet ihr hier oder im ganzen Beitrag in der Parnass Winterausgabe 2025.

Tipp! Literatur

Wie Julia Stoschek ein verlassenes Theater zur Kunst macht

Im Monopol-Podcast „Kunst und Leben“ und dem begleitenden Artikel „Wie Julia Stoschek ein verlassenes Theater zur Kunst macht“ vom 2. Februar 2026 berichtet Silke Hohmann vom Monopol Magazin über die Ausstellung „What a Wonderful World – An Audiovisual Poem“, welche vom 6. Fabruar bis zum 20. März im ehemaligen Variety Arts Theater in Los Angeles zu sehen war, und rückt dabei besonders die deutsche Sammlerin Julia Stoschek in den Fokus.

Der Beitrag erläutert, wie Julia Stoschek mit ihrer Foundation ein historisches Gebäude, das Variety Arts Theater, in einen außergewöhnlichen Ausstellungsraum für Video- und Medienkunst transformierte. Was einst Bühne, Ballhaus und Treffpunkt war, wurde nun zum Resonanzraum für ein Jahrhundert audiovisueller Kunstproduktion. Die Ausstellung „What a Wonderful World – An Audiovisual Poem“, kuratiert von Udo Kittelmann, verband zentrale Arbeiten aus der Sammlung Julia Stoscheks mit filmhistorischen Bezügen und eröffnete ein vielschichtiges Spiel aus Bild, Raum und Bedeutung.

Der Beitrag macht deutlich, wie sehr Stoschek die Ausrichtung der Ausstellung prägte: Ihre Sammlung, die sich stark auf Medienkunst konzentriert, versammelt Werke, die gesellschaftliche Spannungen sichtbar machen und die Wirkung von Bildern hinterfragen – etwa bei Arthur Jafa oder Ana Mendieta. So entstand im ehemaligen Variety Arts Theater nicht nur eine Ausstellung, sondern ein kuratierter Denkraum, der maßgeblich von einer weiblichen Perspektive im Kunstbetrieb gestaltet wurde.

Die Podcast-Folge des Monopol Magazins liefert einen kompakten, aber eindringlichen Einblick in die Sammlung, die weit über das Bewahren hinausgeht und macht neugierig darauf, mehr über Julia Stoscheks Ansatz und die Rolle von Sammlerinnen in der Gegenwartskunst zu erfahren.

Einen tieferen Einblick in Julia Stoscheks Sammlung und ihre Perspektive als Sammlerin bietet auch das Monopol-Interview mit der Sammlerin.